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22.01.2018, 15:57 Uhr

Natürliche Vielfalt durch den Sturm

Was Burglinde und Friederike mit Kyrill und Ela gemeinsam haben..

Durch Burglinde umgestürzte Eichen und Fichten in der Brücker Hardt
© Holger Sticht
Leider kommen durch Gewitterfronten und Orkane viele Menschen zu Schaden, weil wir, insbesondere mit unserer Infrastruktur, hieran nicht angepasst sind. Doch für Natur und Landschaft entpuppt sich die natürliche Kraft des Windes immer wieder als Segen.

Der erste Anschein einer "Naturkatastrophe" beim Blick auf reihenweise oder flächig umgestürzte Bäume trügt: Stürme sind so alt wie unser Planet und daher Bestandteil der natürlichen Prozesse in unseren Ökosystemen, von welchen unzählige Arten profitieren.

Aufgestellter Wurzelteller in der Refrather Heide: Zaunkönignest versteckt im Wurzelteller, Grasfroschlaich in der wassergefüllten Vertiefung
© Holger Sticht
So ist bspw. ungefähr ein Viertel aller in Deutschland vorkommenden 6000 Käferarten auf absterbende oder abgestorbene Bäume angewiesen. Sie pflanzen sich hier fort, sie oder ihre Larven ernähren sich vom Holz oder von den zahlreichen Pilzarten, die sich nur an Totholz entwickeln können. Sie bilden wiederum die Nahrungsgrundlage für unzählige andere Organismen, z.B. auch verschiedene Wespen- und Vogelarten. Stehendes und liegendes Totholz bildet insofern eine wesentliche Nahrungsgrundlage.

Wichtig ist aber auch die Lebensraumstruktur, die sich durch umgestürzte Bäume entwickelt. Wo endlich wieder Licht auf den Boden gelangt kommen zahlreiche Pflanzenarten zum Zuge, die zuvor durch die Licht- und Wurzelkonkurrenz der Bäume verdrängt worden waren.

Aufgestellter Wurzelteller in der Aggeraue, Wahner Heide: Eisvogelröhre im Wurzelteller, Teichmolche in dem neu entstandenen Tümpel
© Dr. Hanns G. Noppeney
In einer ersten, häufig "Ruderalphase" genannten Zeitspanne sind es v.a. Kräuter wie Fingerhut, Johanniskrautarten oder Königskerzen, aber auch Rohbodenpioniere wie Besenginster und Heidekraut. Diese bilden wiederum Nahrungsgrundlage für Insekten wie Schwebfliegen, Bienen und Schmetterlinge. Aufgestellte Wurzelteller und abgebrochene Baumstümpfe spielen aber auch als Niststätten für Vogel- und Säugetierarten eine wesentliche Rolle.

Zusammengefasst kann man feststellen: wo der Sturm Bäume umknickte und entwurzelte explodiert in den darauf folgenden Jahren förmlich die biologische Vielfalt. Das war bei Kyrill so, und wird nun nach Burglinde und Friederike wieder so sein. Insbesondere dann, wenn wenigstens ein Teil der Windwurfflächen sich selbst überlassen und nicht abgeräumt, v.a. nicht aufgeforstet wird. Denn ein großer Teil der wirtschaftlichen Schäden, die Waldbesitzer durch Stürme erfahren, ist selbstverschuldet, nämlich Folge des Anbaus: durch die flächige Anpflanzung von Bäumen werden künstlich gleichaltrige, viel zu dichte Bestände geschaffen, so genannte Forstökosysteme, die in Zukunft wieder eine maximale Sturmanfälligkeit haben werden.

Durch Burglinde umgestürzte Eichen auf Flugsandfeldern in der Brücker Hardt
© Holger Sticht
V.a. aber werden durch Aufforstungen die natürlichen Vegetationsabfolgen (Sukzessionsstadien) mit ihrem jeweiligen Artenreichtum verhindert.

Wälder nach naturwissenschaftlicher Definition sind nicht gepflanzt, sondern aus sich selbst heraus gewachsen. Anpflanzen, also aufforsten, kann man sie nicht, man kann sie nur zulassen. Auch in Waldökosystemen fallen Bäume durch Stürme. Das kann man nach Burglinde und Friederike auf der Heideterrasse v.a. auf ehemals trocken gelegten und nun wieder vernässten Standorten sowie auf Flugsandflächen und Binnendünen beobachten. Ein ganz natürlicher Prozess, der von großer Bedeutung für den Erhalt der biologischen Vielfalt ist.

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